Seidenspinnereien

Am schönsten ist es, wenn Hélène und Hervé einfach beeinander stehen. Wenn sie sich in die Augen schauen und fast scheu berühren. Das ist Liebe. Sie wird zu spüren sein bis zum Schluss, dem traurigen.
Anja Panses Bühnenfassung des Erfolgsromans „Seide“ von Alessandro Baricco dringt mit diesen von ihr selbst inszenierten Bildern tief in Innere der Geschichte ein. Die bei Baricco stark reduzierte poetische Sprache gelangt hier ohne zusätzlich Schnörkel direkt auf die Bühne. Auch wie sie die im Roman weitgehend dialogfrei erzählte Geschichte aus dem Frankreich des 19. Jahrhunderts auf die Rollen verteilt, beweist Geschick. Sie hat sie auf diese beiden Menschen zurechtgeschnitten, ihr Glück und ihr Scheitern.
Das ist schön gemacht, wie Ingo Biermann, der seinen Handlungsreisenden sowohl in seiner jugendlichen Frische als auch in seinen Verzweiflungsmomenten wohltuend unverstellt gibt, hinter dem Vorhang und unter fiebrigen Geigenkängen in den Fernen Osten entschwindet.
Was Anja Panse immer wieder gelingt, sind diese angehaltenen Szenen, in den die Menschen zu Bildern gerinnen. Hier öffnen sich Welten, unbesetzte Räume, die grad die Fülle der Inszenierung ausmachen.
Da wird Theater luftig zart und Kristin Muthwill in ihrem robusten, knöchellangem Schneiderkostüm zu einer wahren Seidenspinnerin.

Südkurier, 27.2.2007

„Seide“ nach Alessandro Baricco ist ein modernes Märchen für Erwachsene

Wer den Roman für die Bühne umsetzen will, ist herausgefordert, Anja Panse, ist das Wagnis eingegangen. Erstaunlich gut ist ihr die dramatische Fassung gelungen.
Wie in einem beschwörenden Mantra wiederholt Baricco Textabschnitte, in denen er den jährlich wiederkehrenden Reiseweg beschreibt, auf dem Hervé die rätselhafte Frau an der Seite des japanische Fürsten Hara Kei wiederzufinden versucht. Anja Panse und Bühnenbildnerin Bozena Szlachta haben einen weißen Seidenvorhang eingesetzt, der Frankreich von Japan trennt. Ein Einfall, der gut funktioniert, zumal der Stoff als Projektionsfläche dient und Hervés reise zusätzlich als Schattenspiel dargestellt werden kann.
Kristin Muthwil ist eine so bezaubernde Hélène mit Zwischentönen und Neugier aufs Leben.
Heimo Scheurer verleiht Baldabiou de Züge eines Schöpfers, der würfelt und selbst zum Zuschauer des sich entfaltenden Spiels wird.
Die Zuschauer ließen sich dieses Spiel jedenfalls gefallen.

Thurgauer Zeitung; 27. 2. 2007