Nicht weinen, Kully!

In der am Donnerstag im Theater unterm Dach uraufgeführten Inszenierung nimmt Schauspielerin Friederike Pöschel ein Buch aus einem alten Koffer, liest Tagebucheinträge vor, wird zum Kind.

Mit viel Kunstfertigkeit und Originalität werden die kindlichen Gefühle aus jener zerrissenen Zeit, die unheilvoll ins Heute deutet, auf die Bühne gebracht. Nachzuerleben sind Stationen eines unsteten Lebens in Hotels, deren Rechnungen oft lange unbezahlt bleiben. Jede Trennung vom Vater ist mit der Angst verbunden, ihn nie wiederzusehen. Aus den Szenen entsteht ein ungeheures Gesamtbild davon, wie es Kindern in Zeiten von Krieg und Vertreibung geht. Man wird es tagelang nicht los das Bild dieses entwurzelten Kindes, das sich beständig um seine Eltern sorgt, keine Spielkameraden hat, völlig vereinsamt.

Anja Panse inszeniert den Stoff nicht nur traurig, sondern erschafft immer wieder magische Momente, in denen das Kind in eine Traumwelt flüchtet. Mal ist es ein Vogel, dann wieder gerät es in Panik. So wird sinnlich erfahrbar, wie vielschichtig das Wesen eines Kindes ist, und erschreckend verstehbar: Was muten wir unseren Kindern zu? Was ist uns zugemutet worden? Was erleiden täglich Tausende Kinder auf der Flucht mit ihren Eltern oder allein in Rettungsbooten, die von »unserer« Soldateska ins Meer zurückgetrieben werden, wo schon Zehntausende von ihnen ertrunken sind?

Übergangslos fällt Friederike Pöschel aus der Erwachsenen- in die Kinderrolle, richtet innere Monologe an ein Gegenüber (hier eine Puppe, der sie alles anvertraut). Ein Mittel, das die Regisseurin schon in ihrer »Rosa«-Inszenierung erfolgreich angewandt hat, in der auch schon die Musik von Annegret Enderle überzeugte. Sanft untermalend, drängen sich die Klänge in »Kind aller Länder« nie formalistisch in den Vordergrund, begleiten die seelischen Zustände sehr einfühlsam.

Anja Panse hat als Regisseurin eine unverwechselbare Handschrift, assoziativ, mit Traumsequenzen, intensiv, einfühlsam, klug, historisch wahr, originell und sehr besonders auch in der Art der Requisite. Sie will die Realität weder ausblenden noch einfach nur abbilden, sondern deutet mit Kleinigkeiten an, so dass der Zuschauer weiterdenken, weiter assoziieren kann, was als ein wichtiges Prinzip des epischen Theaters gilt.

Anja Röhl, Junge Welt 13.3.2018_