Tapfer, unverzagt und lächelnd

Mit Susanne Jansen hat die Texterin und Regisseurin Anja Panse für ihr Projekt »Rosa – Trotz alledem« eine Darstellerin gefunden, die nicht nur äußerlich, sondern auch dem Denken, der innersten Beschaffenheit der Rosa Luxemburg sehr nahe zu kommen verstand: Sie überzeugte und bewegte, wusste den tieferen Sinn jenes Satzes zu offenbaren, der viel zitiert, viel missbraucht und oft aus dem Zusammenhang gerissen worden ist: »Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden.« Wie sie unter der politischen Beckmesserei ihres Geliebten Jogiches litt und sie sich dagegen aufbäumte; wie es sie traf, als ihr in der Haft die Ermordung Karl Liebknechts höhnisch kundgetan wurde, und wie sie später, für drei Jahre hinter Gitter verbannt, den stillen Untergang der wehrlosen Vögel vor den Kerkermauern betrauerte – das alles ließ Susanne Jansen im Theater unterm Dach sehr wohl nachempfinden. Bis zum letzten Platz waren die Reihen gefüllt, der Applaus war lang und dankbar.

Neues Deutschland, Walter Kaufmann, 31.1. 2018

Das Auge schaut klar, ohne Bitternis

Der Programmzettel ist angenehm schlicht. Auf der Titelseite prangt das Porträtfoto der im geschichtlichen Zirkelschlag objektiv berühmtesten Frau Deutschlands, wenn nicht Europas – Rosa Luxemburg.
Was sagt dies Bild? Es sagt wie im Brennspiegel klar etwas über den Charakter von Stück und Inszenierung aus. Der Mensch Rosa steht darin im Mittelpunkt, ihr Leben mit all den Sorgen und Freuden drin. In kurzen Einblendungen rückt ihr privater wie politischer Umkreis in den Fokus, Revolutionäre wie sie, das herrschende System des Vor- und Nachkriegs, das sie bekämpft und es sie, Karl Marx, Karl Liebknecht, Versager der Sozialdemokratie, der Weltimperialismus, der Krieg, die russischen Revolutionen. In prägnanten Szenen ersteht das Bild einer Frau, welche sowenig vor dem Lebensalltag zurückschreckt wie vor der praktischen Politik, eine Marxistin, zugleich Feindin des Patriarchats, welche tief empfindet, Kunstwerke liebt, Schläge austeilt und empfängt, leidenschaftlich liebt, spielt, trinkt, aus der Haut fährt, schießt, nicht aufhört zu lernen, eine Frau, die kämpft und leidet, theoretisiert und lacht, für ihre Erzfeinde folglich eine hochgefährliche Person, die schließlich dafür mit ihrem Leben bezahlen muss. »Rosa – trotz alledem« destilliert aus all dem zwar nur Bruchteile heraus, aber die weisen auf eine ganze Welt…
…Anja Panse, Schauspielerin und Regisseurin, brachte »Rosa – trotz alledem« in eigener Textfassung Ende Juni erstmals auf die kleine, unverdrossen wider die Zeitströme operierende Bühne des Theaters unterm Dach in Berlin am Thälmannpark, geleitet von Liesel Dechant. Drei leibhafte Akteure reißen ein individuell-gesellschaftliches Kompendium auf, das den heutigen Zuständen stark ähnelt. Zwei Schauspieler – Arne van Dorsten und Lutz Wessel – schlüpfen jäh maskiert und mit Puppen in der Hand in dutzende Rollen (Puppenbau Rodrigo Umseher, Ludwig Pauli). Darin eingebettet, ersteht Rosa – hellwach, leidenschaftlich Susanne Jansen in der abwechslungsreichen Rolle – von Szene zu Szene neu, mal zärtlich nach Liebe verlangend, mal agitatorisch unter der roten Fahne, mal erschüttert über Misserfolge der kämpfenden Arbeiterschaft. Mehrmals ist es geboten, zu singen…
…Was die Spannung der Anja-Panse-Inszenierung ausmacht? Jedes einzelne Glied der Szenenfolge steckt voller Nuancen. Neben den rationalen siedeln gleichermaßen die sinnlichen Momente. Viele junge Leute schauten zu und spendeten Beifall.

Neues Deutschland, Stefan Amzoll 11.9. 2017

Vergönnt zu hassen

Bis Ende voriger Woche lief im Berliner Theater unterm Dach »Rosa – Trotz alledem«, ein Theaterprojekt von Anja Panse und Barbara Kastner. Premiere war im Juni. Hoffentlich geht es in anderen Orten weiter. In Cottbus waren sie schon. Für mich gehört es zu den bemerkenswertesten Stücken, die ich in den letzten Jahren gesehen habe.

Regisseurin Anja Panse kennt sich sehr gut mit Rosa Luxemburgs Politik und Leben aus, weiß dies spannend zu inszenieren und auch zu aktualisieren, ohne dass es platt wirkt. Sie benutzt Elemente des magischen Realismus wie Traum- oder Assoziationssequenzen, die dem Stück Tiefe verleihen.

Musik, Puppenspiel und Sprechtheater kommen zusammen. Es geht um ihren Antimilitarismus, der sie ins Gefängnis bringt, ihre ökonomischen Überlegungen und ihre Auseinandersetzungen mit Lenin um die Bolschewisierung der Partei. Aber auch im ihre Liebesbeziehungen, in denen sie sich von altbekannten Rollenmustern frei macht. Dazu gibt es viele aktuelle Assoziationen, beispielsweise in Form von Zitaten der Globalisierungskritikerin Naomi Klein. Einmal werden Ausschnitte einer Rede von Luxemburg mit einer von Sahra Wagenknecht gegengeschnitten, was überaus geschickt gemacht ist, zumal die Linke-Politikerin medial ja gern in eine ästhetische Nähe zu Luxemburg gerückt wird.

Es wird deutlich, wie vielfältig Luxemburg interessiert war, an Operngesang, Literatur, Ökonomie und Vogelkunde. Es bleibt Andeutung, Ahnung, Prozessgeschehen. Sie wirkt ein bisschen geheimnisvoll. Beste Voraussetzung, um sich weiterhin für sie zu interessieren. Gutes politisches Theater, ohne Agitprop zu sein.

JungeWelt 12.10.2017, Anja Röhl

Warnung! Geschichte kann zu Einsichten führen und verursacht Bewusstsein

Also ich muss schon sagen, das war ein starkes Stück, was sich da am Donnerstagabend im Dieselkraftwerk geleistet wurde. Ein richtiger Theaterabend bezog eindeutig Haltung. In Cottbus und noch dazu drei Tage vor der Bundestagswahl. Man muss es subversiv in eklatantester Art und Weise nennen, was sich da an diesem Herbstabend in der Cottbuser Kunstsammlung abspielte. Diese linke Truppe setzte einer der bedeutendsten Frauen der Weltgeschichte ein würdiges, verdientes Denkmal vom Feinsten. Der großartigen Rosa Luxemburg wurde kein Kranz aufs Grab gelegt, nein, sie wurde mit Hirn und Herz, mit theatralischen Mitteln als die auf die Bühne gespielt, die sie war: ein überaus kluger Mensch, eine überzeugte Feministin, eine besessene Linke, eine sensible, sinnliche Frau, eine weitsichtige Ökologin, eine unbeirrbare Kämpferin für den Fortbestand der Menschheit. Dieser Abend war eine mutige Aufforderung nach Alternativen zum Kapitalismus zu suchen, ihn zu durchschauen und folgerichtig zu bekämpfen. Die Zuschauer werden ermutigt, vernünftigen Idealen zu verfallen und daraus rückwirkend aktiv zu werden, sich nicht zu ergeben, trotz alledem.

Der „Rosa“ mögen viele junge Menschen begegnen, auch viele nicht junge, die sich Mut und Lust holen wollen für die erhabenste Sache, die Gestaltung und Erhaltung einer menschenfreundlicheren Welt.

Blicklicht, 21.09. 2017, Michael Becker