Das Auge schaut klar, ohne Bitternis

Der Programmzettel ist angenehm schlicht. Auf der Titelseite prangt das Porträtfoto der im geschichtlichen Zirkelschlag objektiv berühmtesten Frau Deutschlands, wenn nicht Europas – Rosa Luxemburg.
Was sagt dies Bild? Es sagt wie im Brennspiegel klar etwas über den Charakter von Stück und Inszenierung aus. Der Mensch Rosa steht darin im Mittelpunkt, ihr Leben mit all den Sorgen und Freuden drin. In kurzen Einblendungen rückt ihr privater wie politischer Umkreis in den Fokus, Revolutionäre wie sie, das herrschende System des Vor- und Nachkriegs, das sie bekämpft und es sie, Karl Marx, Karl Liebknecht, Versager der Sozialdemokratie, der Weltimperialismus, der Krieg, die russischen Revolutionen. In prägnanten Szenen ersteht das Bild einer Frau, welche sowenig vor dem Lebensalltag zurückschreckt wie vor der praktischen Politik, eine Marxistin, zugleich Feindin des Patriarchats, welche tief empfindet, Kunstwerke liebt, Schläge austeilt und empfängt, leidenschaftlich liebt, spielt, trinkt, aus der Haut fährt, schießt, nicht aufhört zu lernen, eine Frau, die kämpft und leidet, theoretisiert und lacht, für ihre Erzfeinde folglich eine hochgefährliche Person, die schließlich dafür mit ihrem Leben bezahlen muss. »Rosa – trotz alledem« destilliert aus all dem zwar nur Bruchteile heraus, aber die weisen auf eine ganze Welt…
…Anja Panse, Schauspielerin und Regisseurin, brachte »Rosa – trotz alledem« in eigener Textfassung Ende Juni erstmals auf die kleine, unverdrossen wider die Zeitströme operierende Bühne des Theaters unterm Dach in Berlin am Thälmannpark, geleitet von Liesel Dechant. Drei leibhafte Akteure reißen ein individuell-gesellschaftliches Kompendium auf, das den heutigen Zuständen stark ähnelt. Zwei Schauspieler – Arne van Dorsten und Lutz Wessel – schlüpfen jäh maskiert und mit Puppen in der Hand in dutzende Rollen (Puppenbau Rodrigo Umseher, Ludwig Pauli). Darin eingebettet, ersteht Rosa – hellwach, leidenschaftlich Susanne Jansen in der abwechslungsreichen Rolle – von Szene zu Szene neu, mal zärtlich nach Liebe verlangend, mal agitatorisch unter der roten Fahne, mal erschüttert über Misserfolge der kämpfenden Arbeiterschaft. Mehrmals ist es geboten, zu singen…
…Was die Spannung der Anja-Panse-Inszenierung ausmacht? Jedes einzelne Glied der Szenenfolge steckt voller Nuancen. Neben den rationalen siedeln gleichermaßen die sinnlichen Momente. Viele junge Leute schauten zu und spendeten Beifall.

Neues Deutschland, Stefan Amzoll 11.9. 2017

Vergönnt zu hassen

Bis Ende voriger Woche lief im Berliner Theater unterm Dach »Rosa – Trotz alledem«, ein Theaterprojekt von Anja Panse und Barbara Kastner. Premiere war im Juni. Hoffentlich geht es in anderen Orten weiter. In Cottbus waren sie schon. Für mich gehört es zu den bemerkenswertesten Stücken, die ich in den letzten Jahren gesehen habe.

Regisseurin Anja Panse kennt sich sehr gut mit Rosa Luxemburgs Politik und Leben aus, weiß dies spannend zu inszenieren und auch zu aktualisieren, ohne dass es platt wirkt. Sie benutzt Elemente des magischen Realismus wie Traum- oder Assoziationssequenzen, die dem Stück Tiefe verleihen.

Musik, Puppenspiel und Sprechtheater kommen zusammen. Es geht um ihren Antimilitarismus, der sie ins Gefängnis bringt, ihre ökonomischen Überlegungen und ihre Auseinandersetzungen mit Lenin um die Bolschewisierung der Partei. Aber auch im ihre Liebesbeziehungen, in denen sie sich von altbekannten Rollenmustern frei macht. Dazu gibt es viele aktuelle Assoziationen, beispielsweise in Form von Zitaten der Globalisierungskritikerin Naomi Klein. Einmal werden Ausschnitte einer Rede von Luxemburg mit einer von Sahra Wagenknecht gegengeschnitten, was überaus geschickt gemacht ist, zumal die Linke-Politikerin medial ja gern in eine ästhetische Nähe zu Luxemburg gerückt wird.

Es wird deutlich, wie vielfältig Luxemburg interessiert war, an Operngesang, Literatur, Ökonomie und Vogelkunde. Es bleibt Andeutung, Ahnung, Prozessgeschehen. Sie wirkt ein bisschen geheimnisvoll. Beste Voraussetzung, um sich weiterhin für sie zu interessieren. Gutes politisches Theater, ohne Agitprop zu sein.

JungeWelt 12.10.2017, Anja Röhl