Wer dieser Tage in NRW eine bestechend kluge Inszenierung eines Lessingklassikers sehen möchte, sollte sich Anja Panses „Minna von Barnhelm“ am Theater Krefeld-Mönchengladbach nicht entgehen lassen.

Zu Beginn der Inszenierung blickt man wie durch ein Brennglas auf die Lessingsche Zeit nach dem siebenjährigen Krieg zurück. Die Geschichte um den unehrenhaft entlassenen, versehrten Kriegsheimkehrer Tellheim und seiner emanzipierten Geliebten Minna von Barnhelm entfaltet sich nun langsam auf dem Tableau der Zeit. Schrittweise nährt sich die Handlung der Gegenwart an, bis sie schließlich im Hier und Jetzt landet. Während eben noch alles historisch und fern erschien, wird urplötzlich klar wie brisant und aktuell die verhandelten Themen im Stück tatsächlich sind. Kriege in nie gekanntem Ausmaß beherrschen unsere Welt und Abertausende leiden unter mangelndem Selbstwertgefühl in unserer marktkonformen Demokratie. So erweist es sich als ein sehr schlüssiger und intelligenter Zugriff, diese Zeitreise vorzunehmen.

Hannah Hamburgers Bühne führt die Szenerie von einem beengten Wirtshaus Ende des 18. Jahrhunderts über das preußisch-wilhelminische Zeitalter hinein ins Assoziative, Bruchstückhafte der Gegenwart. Das alles ist überraschend und konsequent.

Die Schauspieler spielen lustvoll auf. Sie tauschen Kostüme und Masken und mit ihnen zugleich die Spielweisen, je nachdem in welcher Zeit sie gerade agieren. Als weißgeschminkte Mimen in Stummfilmmanier beginnend, wechseln sie in den Konversationsstil der Jahrhundertwende, um modern und heutig zu enden. Ganz als würde nebenbei auch noch die deutsche Theatergeschichte visualisiert. Das alles schnurrt leicht und unaufhaltsam ab.

Christopher Wintgens gibt einen urkomischen, aber auch gefährlich-schmierigen Wirt, der durch die Welt tänzelt und seinen opportunistischen Geist in alle Ecken verspritzt .
Esther Keil als Minna von Barnhelm ist ein Ereignis. Großartig mit welcher Bravour, sie die lessingschen Texte in den feinsten Nuancen auskostet. Ihre Lebendigkeit und ihr Spielwitz ist köstlich. Sie singt, leidet, schreit, fordert mit großer Authentizität. Auch Ronny Tomiska als Major von Tellheim beeindruckt durch seine virtuose Körperlichkeit und seine präzise Sprachbehandlung. Während Minna ihren Tellheim durch die selbstgesponnene Intrige in einen immer größer werdenden Strudel aus Verzweiflung und Emotionen stürzt, um am Ende die Wahrhaftigkeit ihrer Liebe wiederzufinden, durchleben Franziska und Paul Werner die gegenläufige Entwicklung eines Paares. Hier entlarven sich die Oberflächlichkeiten und Abgründe der menschlichen Seele. Franziska folgt, nach Glanz und gesellschaftlichen Aufstieg strebend, dem Söldner Paul Werner in den Krieg. Stechend trifft, wenn er seine letzten Worte „nach Persien“ in moderner Bundeswehruniform spricht. Dennis Matthey und Philipp Sommer zeichnen ihre Figuren mit hoher Intensität und Ausstrahlungskraft.
Am Schluss schwebt Michael Ophelders Oheim als mythologisch-heilsbringender Deus Ex Machina aus dem Bühnenhimmel ein. Die Kraft seines Gesangs steht einer großen Apotheose in der Oper in nichts nach. Überhaupt die Musik von Sebastian Herzfeld gibt dem Abend eine ganz eigene Dynamik und ziseliert die Gemütszustände der Figuren in schräger Weise heraus.

Entstaubt und schlank hat Anja Panse ihre Interpretation von Minna von Barnhelm auf die Bühne gebracht. Sie legt den Finger auf die zeitlos offenen Wunden der Menschen.
Aber es gibt Hoffnung – die Liebe. Absolut sehenswert.

D. Schröder; nachtkritik; 13.4.2017

Liebe und Ehre im Wandel der Zeit

Zur Premiere von Lessings “Minna von Barnhelm” entfaltet das Ensemble vom Theater Mönchengladbach die Aktualität des Klassikers. Anja Panses Inszenierung arbeitet mit dramaturgischen Stilmitteln verschiedener Epochen und Genres.

Lessing hat sein Lustspiel in der Zeit nach dem Siebenjährigen Krieg zwischen Preußen und Sachsen angesiedelt. Und der Krieg ist präsent im Finale der Zeitreise, in die Regiesseurin Anja Panse das Schauspiel verlegt.Während die Besucher ihre Plätze suchen, ist der Blick bereits frei gegeben auf das Bühnenbild und den darin agierenden Just. Sein Gesicht ist weiß gekalkt, wie auch die übrigen Darsteller unter weißer Schminke maskenhaft verfremdet erscheinen.
Im Zuge des Geschehens wandeln sich die Kostüme, verliert sich das Weiß und die Darsteller kommen in der Gegenwart an. Der Degen des Wachtmeisters ist ausgetauscht gegen ein modernes Mashcinengewehr, die preußische Uniform gegen die Tarnfarben moderner Militärs, und noch immer zieht es ihn zu fernen Schlachten.

Das Ensemblespiel ist durchweg intensiv, zunächst betont scharf überzeichnet, affektiert.
Mit großer Präsenz gibt Ronny Tomiska den Major von Tellheim, der im überzogenen Ehrgefühl sein Eheversprechen gegenüber Minna nicht einlösen will. Esther Keil verkörpert ausdrucksstark Minnas Entwicklung von der Schwärmerin zur taktisch planenden Frau.

Immer wieder überrascht die Aufführung mit Brüchen, ist dicht gespickt mit Asooziationen und Symbolen, zu denen Sebastian Herzfelds eingespielte Kompositionen beitragen.
Hannah Hamburgers Bühnenbild begleitet alles auf beeindruckende Weise. Im Drehen und Wenden verwandelt es sich, trägt die Protagonisten mit sichfort. Ehe sich die Handlung in eine Tragödie wendet, kommt die Auflösung in Anspielung auf den dramaturgische Deus ex Machina von oben. Minnas Oheim schwebt zur mythologischen Figur verwandelt in die Szenerie ein und schließt den Bogen zu den weißgeschminkten Gesichtern des Anfangs.

Angela Wilms-Adrians; Rheinische Post; 10.4. 2017