Ode an die Fantasie

Was für ein kühnes Unterfangen, diesen 1300-Seiten-Schmöker auf die Bühne zu bringen. Anja Panse hat es gewagt und für das Junge Theater Ingolstadt aus dem gewichtigen Klassiker eine leicht-händige Bühnenversion destilliert. Unter ihrer Regie feierte „Don Quijote“ für Zuschauer ab neun Jahren am Freitagabend in der Werkstatt umjubelte Premiere.

Anja Panse holt die Geschichte ins Heute – was den Kontrast, aber auch die Verständlichkeit für das junge Publikum erhöht. Denn wenn Rolf Germeroth in Kettenrüstung, mit Sektkübel („Mambrins Helm“) auf dem Haupt und stets aufrechtem Gang durch die Zivilisation des 21. Jahrhunderts schreitet und überall nur böse Zauberer, in Not geratene Edeldamen und verwunschene Ritter wähnt, dann wird schnell klar, wie weit sich Don Quijote von der Realität entfernt hat. Anja Panse dreht das Stück sogar noch weiter, indem sie ihren (Anti-)Helden in die Fänge der schrillen Freak-Show „Crazy TV“ treibt, wo sensationsgierig und mitleidlos die öffentliche Desillusionierung des Romantikers „Don Idiote“ zelebriert wird.

Obwohl die Fronten klar abgesteckt sind – durch Sprache, Gestus und Kostüme –, so lässt die Regisseurin immer auch einen Blick in Don Quijotes Welt zu. Sie inszeniert dessen verzerrte Wahrnehmung gleich mit. Dann trübt sich das Licht, wird die Welt plötzlich schwarz-weiß und bedrohlich. Dann werden Schafe zu mächtigen Rittern oder ein Ventilator zu einem verzauberten Windmühlenriesen.

Es ist eine kluge, bildmächtige, poetische Inszenierung – und ein komische noch dazu. Eine Komik, die sich natürlich daraus ergibt, wie Rolf Germeroth seinen aus der Welt gefallenen Recken zeigt: in einer ernsthaften Lächerlichkeit, die mit Würde, Noblesse und Courage einhergeht. Herrlich ist das, wie Germeroth unverzagt das Versmaß hält. Eine Komik, die sich im Zusammenspiel des ungleichen Duos entwickelt: hier der verschrobene Herr, dort der gutmütige, dickliche, bauerntölpelige Sancho Pansa, dem Péter Valcz – wieder einmal hinreißend – Gestalt gibt. Eine Komik, die die köstliche Rollenspielerei (Olivia Wendt und Lukas Umlauft fantasievoll und gewitzt in allen anderen Rollen) bedingt. Denn auch das ist hier wieder einmal Thema: das Spiel und die Verführung zum Theater. Dazu wählt Anja Panse vielfältige theatrale Formen – vom Schattenspiel über Slapstick bis zur Tanzchoreografie (David Williams). Und eine Komik, die nicht zuletzt aus all dem Drumherum entsteht (man denke nur an den „Zaubertrank“ im verrosteten Kanister). Auch durch Annegret Enderles atmosphärisch irrlichternde Spieldosen-Musik und Christian Robert Müllers hoch ästhetische Bühnenausstattung. Denn mitten in seine südlich anmutende Landschaft in Schwarz und Rost und Sand setzt er – Rosinante! Einen formschönen Fahrrad-Gaul auf Stützrädern. Ja, Anja Panse und Christian Robert Müller haben Don Quijote wortwörtlich zum fahrenden Ritter gemacht.

Ihre Inszenierung ist eine Hymne an die Fantasie. Begeisterter Applaus!

Anja Witzke; Donaukurier; 15.12. 2013

Begeisterung für „Don Quijote“

Regisseurin Anja Panse hat für ihre Produktion in der Spielstätte Werkstatt/Junges Theater eine eigene knappe Fassung des Cervantes-Romans über den „Ritter von der traurigen Gestalt“ gefertigt. Die Zeit der Handlung ist heutig. Nur der verwirrte Alte ist aus der Zeit. Oder doch nicht ganz mit seinen Idealen und seiner Weigerung, die Welt unter dem Blickwinkel der kalten Vernunft zu sehen?
Die Komik des Stücks zehrt natürlich von dem sprichwörtlichen Kampf Don Quijotes gegen die Windmühlen und anderen Phantastereien…

Die Inszenierung dieses feinen Kinderstücks hat viel Witz, lädt aber auch zur Nachdenklichkeit ein und ist mit Rolf Germeroth in der Hauptrolle, Péter Valcz als Sancho Pansa sowie Olivia Wendt und Lukas Umlauft in diversen weiteren Rollen bestens besetzt. Einen ganz wesentlichen Beitrag zum Gelingen leistet der Ausstatter Christian Robert Müller: Köstlich seine phantasievollen Kostüme und Bildkreationen auf dem kleinen Bühnenraum.
Allein das klapprige Ross Rosinante, eine wahnwitzige Blechkonstruktion auf Fahrrad-Basis, ist ein Treffer erster Güte. Pfiffig und stimmungsvoll illustriert die Musik von Annegret Enderle das kuriose Geschehen. David Williams hat die Scheingefechte effektvoll choreographiert.

Kleine, wie große Zuschauer reagierten auf die Premiere mit heller Begeisterung.

Friedrich Kraft; Neuburger Nachrichten; 15.12.2013